Syrische Familie ist in Gonsenheim angekommen und fühlt sich wohl / Priorität: Deutsch lernen

Von Neli Mihaylova

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MAINZ – Der kleine Ahmad schaut hinter der Wohnungstür hervor. Seine Mutter, Afra Mohammad, streichelt seinen zerzausten Kopf. Sie warten auf Michael Nasralla, ihren City Scout. Er soll ihnen helfen, einen Ersatzschlüssel für Ihre Wohnung zu bekommen. Der andere Schlüssel ist vor kurzem beim Einkaufen verloren gegangen.

Die sechsköpfige syrische Familie Mohammad ist Anfang April in ihre erste deutsche Wohnung eingezogen, die sie mithilfe der im November gegründeten Firma „Neues Zuhause“ des Mainzers Alfons Schwiderski gefunden haben. Die Firma agiert als Vermittler zwischen Flüchtlingen und Wohnungseigentümern. Die Wohnungseigentümer schließen einen Mietvertrag mit Schwiderski ab. Er und seine Mitarbeiter kümmern sich um die Deckung der Mietkosten durch das Sozialamt und sind Vermittler zwischen den Mietern und denVermietern.

Mithilfe von Betreuern, den so genannten City Scouts, werden die Familien im Alltag unterstützt. Michael Nasralla betreut bereits acht Familien aus Syrien, Eritrea und Ägypten.

Der 37-Jährige ist selbst vor zwei Jahren als Flüchtling nach Deutschland gekommen: „Ich habe das alles durchgemacht und weiß, wie schwierig das Leben hier sein kann, wenn man die Sprache nicht beherrscht und niemanden hat, der einen unterstützt“, erzählt er.

Seit Nasralla bei Neues Zuhause arbeitet, hat er immer zwei Handys dabei, die fast ununterbrochen klingeln. „Es gibt immer etwas zu erledigen“, erzählt er. Ein Mieter hat keinen Strom mehr, weil er sich nicht beim Energieversorger gemeldet hat: „Er wusste gar nicht, dass er das machen muss.“ Eine andere Familie braucht Hilfe bei der Suche nach einem Deutschkurs.

Das Wohnzimmer der Familie Mohammad ist fast leer: ein alter Röhrenfernseher und ein schwarz-weißer TV-Schrank stehen in einer Ecke, in der anderen eine schwarze Ledercouch. Im gegenüberliegenden Teil des Zimmers liegt nur ein Teppich auf dem Boden; ansonsten ist der Raum leer. Nasralla setzt sich mit dem Vermieter in Verbindung und erklärt ihm das Problem. Dieser wird einen Ersatzschlüssel anfertigen lassen. Das kostet aber Geld. „Ihr könnt das Geld auch in Raten zahlen. Wir werden es für euch vorlegen“, erklärt der Betreuer.

„In Fällen wie dieser sind die City Scouts unentbehrlich“, meint Alfons Schwiderski und fährt fort: „Denn Menschen wie Herr Nasralla, die Arabisch und Deutsch sprechen, helfen sehr bei der gegenseitigen Verständigung und erleichtern unsere Arbeit ungemein.“

Seit die Mohammads in Gonsenheim wohnen hat sich ihr Leben verbessert: „Wir haben jetzt Platz für alle. Die Kinder gehen zur Schule und lernen sehr schnell Deutsch. Und in Deutschland herrscht kein Krieg wie bei uns in Syrien“, erklärt Afra Mohammad. Nur der vierjährige Ahmad muss noch zuhause bleiben: Für ihn haben die Eltern noch keinen Kitaplatz gefunden.

Vater möchte arbeiten

Mohammad Mohammad, der Vater, hofft, bald wieder arbeiten zu dürfen. In Syrien war er als LKW-Fahrer tätig. „Aber erst müssen wir alle Deutsch lernen. Das ist das Wichtigste“, sagt er. Die Flucht hat die Familie getrennt durchgemacht: „Ich bin alleine eine Woche früher abgereist. Meine Frau und die Kinder kamen nach. Sie sind, genau wie ich, über die Türkei, Griechenland und Bulgarien nach Deutschland gelaufen“, schildert er.

Angekommen sein: das fühlen die Mohammads in ihrem neuen Zuhause in Gonsenheim, sagen sie mit strahlenden Gesichtern: „Gott sei Dank.“ Nach einer halben Stunde macht sich Nasralla auf den Weg zur nächsten Familie. Sein Handy klingelt wieder.

Quelle: Allgemeine Zeitung vom 29.04.2016